Gestern stolperte ich bei einer Suche im WWW über einen Artikel über die verschmähte Dichtkunst. Denn der Großteil der deutschen Bevölkerung liest laut diesem Bericht seit Jahren keine Gedichte mehr, Tendenz steigend.
Wie traurig eigentlich! Im Land der Dichter und Denker lassen sich die Menschen wohl auch lieber mit leichter Kost berieseln. Und was an Interessenpotential vorhanden ist, wird wohl durch den Deutschunterricht vollends zerstört. Und das ist auch kein Wunder: Gedichtinterpretationen sollten meiner Meinung nach etwas sehr subjektives sein (Interpretation an sich bedeutet Verstehen oder auch Deutung, und Deutung kann für mich nur subjektiv sein). Leider gibt es feste Interpretationen, an denen sich so mancher etwas kreativere Schüler denn auch aufreibt.
Ich war in meinen Schultagen auch kein besonderer Fan der Dichtkunst. Zunächst einmal wird immer derselbe Kram auf den Tisch gelegt. ich finde es schon in Ordnung, dass mal mal Goethe liest, und mal Lessing. Aber es gibt noch so viele andere Dichter, modern und alt, und so viele Gedichte. Was ist mit Jandl, Ringelnatz, Trakl, Morgenstern? Aber vor allem die Interpretationsversuche haben mich immer ziemlich genervt. Statt ein wunderschönes Gedicht einmal vorzutragen, und zwar so, dass es mitreisst, wurde es nur totinterpretiert. Ich habe nicht nur einmal eine totale Themenverfehlung hingelegt, weil ich absolut nicht einsehen konnte, warum meine Interpretation falsch sein sollte. Und das war es dann mit der Lyrik erst mal. Die wurde bei mir mit Erreichen des Abiturs sofort Ad Acta gelegt.
Erst etwas später bin ich dann doch wieder auf Umwegen zur hohen Kunst der Poesie gelangt und habe festgestellt, dass es unglaublich viele Gedichte gibt, die jedes für sich so treffend und gelungen sind, dass ich den Dichtern aus den unterschiedlichsten Epochen meinen größten Respekt zolle. Und da spielt es keine Rolle, ob es ein kleines Haiku, ein Reim oder eine Ode ist.
Aus gegebenem Anlass habe ich gestern wieder ein paar meiner Lieblingsgedichte gelesen.
Meine Lyrik-Favourites for Today:
- Gottfried Benn – Blaue Stunde
- Rainer Maria Rilke – Der Panther (klar, ein Klassiker, 90% der Leute, die es kennen, finden es gut)
- Clemens Brentano – Der Spinnerin Nachtlied
- Andreas Gryphius – Es ist alles eitel
Und außerdem habe ich mich wieder an einem Haiku versucht. Haikus sind wohl die kürzesten Gedichte, die es gibt. Nicht zwingend, aber meistens drei Zeilen mit 5, 7 und 5 Silben. Sehr empfehlenswert zum Entspannen und den Kopf Freibekommen. Und gar nicht so schwer, wenn man es nicht ganz so genau nimmt mit den Inhalten, die traditionell in so einen kleinen 17silber kommen. Und es macht Spass, Haikus zu dichten und in wenigen Silben viel auszudrücken. Ist es mir gelungen, ein bisschen Tagesatmosphäre mitzuteilen?
Der Tag so sonnig,
die Hitze lässt Luft flirren.
Abends dann Kühle.